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Insel im Dornröschenschlaf

Die Nachbarinsel von Mauritius wartet jedoch nicht darauf, wachgeküsst zu werden, vielmehr
genießt man hier als Gast den Luxus der Langsamkeit des Seins, des Lebens in und mit einer
beeindruckenden Natur und die herzliche Freundlichkeit der Menschen. 

 

Aus der Vogelperspektive wirkt Rodrigues wie ein Spiegelei. Eines, bei dem der Dotter in der Mitte tiefgrün ist und das Eiweiß in sämtlichen Türkisschattierungen schimmert. Die Lagune, die Rodrigues umgibt, ist doppelt so groß wie die Insel selbst und das erste, das uns sofort beim Landeanflug fasziniert. Der Mini-Airport liegt im Süden, dort wo die Baie Topaze tief ins Land schneidet und Inselchen wie die Île Frégate oder die Île Destinée wie grüne Sprenkel im intensiven Azur erscheinen. 

Der zweite Eindruck zeigt sanfte, tropisch grüne Hügel, die mit kargen, windgebeutelten Regionen wechseln, alles wirkt verschlafen und entspannt. Am Straßenrand turnen Ziegen in Bäumen herum, grasen Kühe und Schafe, flattern Hühner – der Verkehr ist gemächlich, nur wenige Autos kommen uns auf der Straße nach Norden entgegen. Dafür umso mehr Fußgänger. Paradiesische Zustände, kein Wunder, dass die Mauritier, wenn die Rede auf die „kleine Schwester Rodrigues“ kommt, sehnsuchtsvoll „wie Mauritius vor 30 Jahren“ seufzen. Für sie ist die Nachbarinsel, ebenso wie für uns, eine Oase der Ruhe und Gelassenheit. Rodrigues hat aber auch andere Seiten. Es ist ein perfekter Spot für die Wind- und Kitesurf-Community. So finden in der Anse Mourouk jährlich Kitesurf-Festivals statt, „eine coole Angelegenheit“, wie uns Ornella versichert. Die engagierte PR-Fachfrau aus Mauritius kommt regelmäßig herüber, um ein paar Tage abzuschalten und sich ganz auf Wind, Wasser und Wellen zu einzulassen. 

Menschenleere Buchten

Ja, Rodrigues ist vielfältig und sehr naturbelassen. Die, die herkommen, suchen diese Ruhe und Ursprünglichkeit, und die, die hier leben, schätzen sie. In den meisten Buchten stehen keine Luxushotels, man kann stundenlang die Küsten entlanggehen, ohne vielen Menschen zu begegnen, höchstens ein paar Schafe genießen, wie man selbst, den Anblick auf’s schimmernde Meer. Besonders schön ist der Spaziergang von der Anse Ally im Osten über den Pointe Tasman hin zu drei Traumbuchten: Trou d’Argent, Grand Anse und Anse Bouteille. Große Teile der Strecke wandert man im Schatten von Kasuarinen- und Pandanus-Bäumen, bis man die malerischen und meist einsamen Buchten erreicht. Das Meer ist bewegt, weiße Schaumkronen tanzen auf der Wasseroberfläche, über der schwarze Fregattvögel majestätisch ihre Runden ziehen. 

Am Anfang waren nur Vögel und Schildkröten

Vor einigen Jahrhunderten sind hier vielleicht Seefahrer an Land gegangen, auf der Suche nach Trinkwasser, Schildkröten und Vogeleiern, ausgehungert nach einer langen Zeit am offenen Meer. Sie hatten Glück, eine unbewohnte Insel zu betre-ten. 1690 hatte sich der Hugenotte François Leguat mit seinem Schiff Hirondelle von Holland aus auf den Weg gemacht. Das Ziel war La Réunion, wo er ein neues Leben beginnen wollte. Da dort aber die Franzosen residierten, nahm er Kurs auf die damals unbewohnte Insel Rodrigues und erkundete im Anschluss auch Mauritius. Seine späteren Aufzeichnungen geben uns heute Auskunft über die ursprüngliche Flora und Fauna der beiden Inseln: Er schrieb über den mauritischen Dodo sowie über den ebenfalls flugunfähigen Soli-tär, einen 90 Zentimeter großen Vogel, der auf Rodrigues lebte. Dodo und Solitär waren leichte Beute für die Männer und daher in wenigen Jahrzehnten ausgerottet. 

Im Vogelparadies

Zum Glück haben viele andere Vogelarten überlebt, und Rodrigues genießt heute den Ruf als Vogelparadies, deshalb gehört ein Ausflug auf die Îles aux Cocos zu den Musts eines Aufenthalts. Bereits die Fahrt durch die Lagune ist ein Erlebnis. Von unse-rer Piroge aus kann man bis auf den Grund des Mee-res schauen, so glasklar ist es. Gemächlich tuckern wir durchs gleißende Türkis, in der Ferne zeichnen sich die Silhouetten der Île aux Sables und der Île aux Cocos am Horizont ab. Ein fast perfektes Robinson-Feeling, wenn wir dieses Gefühl nicht mit einigen anderen Booten teilen würden, die sich wie wir auf dem Weg zu dem Mini-Eiland im Indischen Ozean befinden. Beim Landemanöver gibt es ein ziemliches Getümmel, aber egal, wir stehen mit den Füßen im wei-ßen Puder-sand und sehen bereits das erste Yéyés-Pärchen, das sein Nest im warmen Sand errichtet hat. Im Inselinneren ist nahezu jeder Filao-Baum mehrfach besetzt von den strahlendweißen, eleganten Feenseeschwalben, die hier ihre Nistplätze haben. Zwischen den Eltern sitzen zarte, graue Flaumbällchen und die Luft ist erfüllt von ihrem Zwitschern. Kein Wunder, dass die Insel auch Île des Oise-aux genannt wird, regie-ren hier doch die Vögel, nicht der Mensch. Als immer mehr Vogelarten auf den Maskarenen vom Aussterben bedroht waren, schuf man hier für vier endemische Vogelarten eine Zuflucht, erklärt uns die Rangerin des streng kontrollierten Naturschutzreservats. Am Strand selbst geht es noch viel lauter zu, man fühlt sich fast ein bisschen wie in Hitchcock’s Film „Die Vögel“ –Seeschwalben, Albatrosse, schwarze Fregattvögel umrunden uns kreischend. Zeit, um auf’s Festland zurückzukehren und den gefiederten Gesellen ihre Ruhe zu lassen. 

Buntes Markttreiben

Am nächs-ten Morgen wartet Arnaud bereits um sieben Uhr auf uns. Die Menschen auf Rodrigues stehen mit den Hühnern auf, der Tag beginnt für viele bereits um vier oder fünf Uhr, je nachdem, wann die Sonne aufgeht. Viele legen den Weg in die Arbeit zu Fuß zurück oder in langsam dahinzuckelnden Bussen. Zum Glück ist Port Mathurin, die Hauptstadt von Rodrigues, nicht weit von unserem Hotel entfernt. Es ist Samstag, und „tout Rodrigues“ ist, so scheint es, auf dem Markt. Nicht nur Touristen, nein, auch viele Einheimische drängen sich durch die Halle, wo sich die Gemüsestände unter der Last der frischen Ware biegen, draußen erwarten uns Strohhüte oder Körbe mit fröhlichbunten Bändern, die die Frauen der Insel aus den Vacoas-Blättern binden, Tische mit köstlichen Kuchen, Honig und viele Stände mit „Piments“, der typischen Gewürzpaste, Chillis und anderen eingelegten „scharfen“ Sachen. 

Nach so viel Trubel ist der nächste Programmpunkt ein komplett gegensätzlicher. Arnaud bringt uns in den Süden zum François Leguat Giant Tortoise and Cave Naturreservat. „Was für ein unglaublicher Anblick muss es vor 300 Jahren gewesen sein, als diese Insel noch unberührt und vollständig von Schildkröten bevölkert war“, schießt es uns beim Rundgang unweigerlich durch den Kopf. Als François Leguat die Insel betrat, war sie noch Heimat von hunderttausenden Panzertieren. Doch der Mensch leistete ganze Arbeit – innerhalb eines Jahrhunderts wurden die friedlichen Tiere sukzessive ihrer natürlichen Umgebung beraubt, als lebender Schiffsproviant mißbraucht und letztendlich ausgerottet. Immerhin weiß man heute dank der Aufzeichnungen Leguats von dem einstigen Naturreichtum und möchte einen Teil davon wieder aufleben lassen. So holte man Schildkröten aus Mauritius und von den Seychellen und begann zu züchten. Erfolgreich, die Population ist mittlerweile auf mehr als Tausend angestiegen. Durchs Naturreservat, in dem sich auch eine imposante Tropfsteinhöhle befindet, führt uns dessen engagierter Leiter André Aurèle, der mit vollem Einsatz für das Wiederaufleben der prächtigen Tiere auf Rodrigues kämpft. Er führt uns auch durch die Tropfsteinhöhle, wo Stalaktiten und Stalagmiten beeindruckende Formationen bilden. Dem Naturreservat angeschlossen ist auch ein kleines Restaurant, wo wir auf Arnauds Rat Oktopussalat und Oktopuscurry ausprobieren. „Der Oktopus-Fang ist eine der wenigen zusätzlichen Einnahmequellen der Einheimischen“, erklärt er uns. 

Jetzt wird uns auch klar, warum wir auf unserer Fahrt über die Insel immer wieder Oktopusse auf Holzgestellen gesehen haben, die der Sonne und der salzigen Meerluft ausgesetzt werden, um als Trockenfisch den Speiseplan zu bereichern. Als wir am frühen Nachmittag die Südküste entlang weiterfahren, herrscht Ebbe. Verwitterte Fischerboote liegen im feuchten Sand, und zahlreiche Fischer stehen weit draußen, bewaffnet mit Metallspeeren, geschützt mit Strohhut und Gummistiefeln, um in Riffnähe die begehrten Tintenfische per Hand zu stechen. Was für uns malerisch aussieht, ist für die Männer und Frauen nicht ungefährlich, denn im Riff gibt es Steinfische, deren Berührung tödlich sein kann. 

Ein Erlebnis für alle fünf Sinne

Unsere Tour führt uns weiter hinauf ins Landesinnere. Kurvenreich schlängelt sich die Straße nach Norden, je höher wir kommen, desto spektakulärer wird der Ausblick auf die Lagune. Dann wechselt die Vegetation, es wird waldiger. Im Mont Bois Noir liegt versteckt der „Jardin des 5 Sens“. Man schlendert zwischen blühenden Büschen und Fruchtbäumen. Je nach Saison kann man Tees oder Früchte wie Bitterorange, Zitrone oder Mango kosten sowie die Nase in duftende Pfefferminze oder Ayapana stecken. Im Mangobaum rechts von uns hat es sich eine Fruit Bat gemütlich gemacht. Faul hängt sie kopfüber vom Ast, Gesicht und Fell wie ein kleiner Fuchs. In der prallen Sonne hängt sie da, putzt immer wieder ihr Mäntelchen, bis sie sich schlussendlich einrollt und ihr Tagesschläfchen hält. Auf Mauritius werden diese putzigen Tiere bereits gejagt, weil sie so viel Schaden auf den Obstplantagen anrichten, hier auf Rodrigues freut man sich, dass die Population nicht abnimmt. Alles eben ein bisschen relaxter. 

Glauben wird Groß geschrieben

Am Weg zurück nach Port Mathourin ergibt sich ein Abstecher nach Saint Gabriel. Eingebettet ins tiefe Grün des Waldes, präsentiert sich uns eine überraschend imposante gotische Kathedrale, die größte der Region Indischer Ozean. Als ich das Kirchenschiff betrete, probt gerade ein Chor. Die Menschen auf Rodrigues sind tiefgläubig, 97 Prozent von ihnen beken-nende Katholiken. Arnaud erzählt uns, dass 1989, als Papst Johannes Paul II. Rodrigues besuchte, der Andrang so groß war, dass die Messe auf einem Fußballfeld zelebriert wurde. Auch unsere mauritische Freundin Roselyne kam herüber, um dabei zu sein und den Papst persönlich zu sehen. Ihr Mann Jörg ist eng befreundet mit André Aurèle. Wie dieser engagiert er sich intensiv für die ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt der Maskarenen. Als Höhlenforscher befasst er sich aber auch mit den Mythen versunkener Schiffe, verborgener Schätze und wertvollen Gold- und Silbermünzen, die vielleicht noch immer irgendwo gut versteckt lagern.   

Auf Schatzsuche

Diese Mythen haben wohl auch den Franzosen J.-M. G. Le Clézio inspiriert, dessen Roman „Der Goldsucher“ mit vielen detaillierten, enthusiastischen Naturbeschreibungen Rodrigues dem Leser näher bringt. Es ist die Geschichte einer Schatz-suche, aber auch der Suche nach den eigenen Wurzeln, die Alexis, den Ich-Erzähler, von Mauritius nach Rodrigues bringt. Um Unglück und Armut zu überwinden, bricht er 1920 mit einem Segelschoner zu einer phantastischen Reise über’s Meer auf. Er will nach alten Plänen und Karten seines Vaters einen sagenhaften Schatz heben. Doch das Gold des Korsaren, nach dem Alexis immer verzweifelter sucht, bleibt für ihn unauffindbar. Was er aber auf Rodrigues für kurze Zeit findet, ist die Liebe. Seine Reise ist jedoch noch nicht zu Ende und führt ihn über Europa wieder zurück nach Mauritius, wo ihm klar wird, dass er zwar den Goldschatz von Rodrigues nicht fand, aber dass er das, was er suchte, letztendlich in sich selbst gefunden hat. Ein prosaisch schöner Roman, der zum Nachdenken über die eigenen Kindheitsträume und Sehnsüchte anregt. Der wie die Insel selbst ein gemächliches Tempo anschlägt und Zeit lässt für eigene Reflexionen. Pause vom schnelllebigen Alltag in unserer hektischen Welt. 

Am letzten Tag unserer Rodrigues-Auszeit machen wir es wie die Leute hier: Wir stehen mit den Hühnern auf und wandern im sanften Licht des frühen Morgens noch einmal zur Anse Bouteille, wie beim ersten Mal beeindruckt von der himmlischen Ruhe dort. Über uns der tiefblaue Himmel, hinter uns schroffe Felsen, vor uns glasklar und türkis der Indische Ozean. Ein Ort zum Träumen. Ein Ort, um eine Flaschenpost zu finden. Ein Ort zum Abschiednehmen von dieser kleinen, verschlafenen Insel, um noch einmal kurz innezuhalten und zu versuchen, ein bisschen etwas von dieser Ruhe und Gelassenheit mit nach Hause zu nehmen.

Spotlight Rodrigues – Tipps & Facts 

Anreise:Direktflug mit Austrian Airlines nach Mauritius und von dort per Inlandsflug 
(ca. 80 Minuten) weiter. 

Klima/Reisezeit: Auf Rodrigues herrscht tropisches Klima mit 28 bis 35°C im Sommer (Oktober bis Mai) und 18 bis 27°C im Winter (Juni bis September)

Aktivitäten: Vor allem an der Ostküste herrschen gute Bedingungen für Kite-Surfing. Auch Tauchen und Hochseefischen werden angeboten. Lohnenswert sind Ausflüge zur Vogelinsel Île aux Coco und ein Besuch des Schildkrötenreservats François Leguat Giant Tortoise Cave Reserve. Ein Muss ist der Besuch des Wochenmarktes am Samstag in Port Mathurin. 

Kulinarik: Die Küche von Rodrigues ist kreolisch mit Schwerpunkt auf Fisch, Gemüse und Oktopus. Zwiebeln, Limonen, Zitronen und Chilis bilden die Basis der berühmten Chatinis (Chutneys). Auf Rodrigues wachsen einige der schärfsten Chilischoten der Welt, und der Inselhonig mit seinem fruchtigen Geschmack zählt zu den besten weltweit. Beliebt ist auch Rhum arrangé, eine Art Rumtopf mit Bananen, Pflaumen und Vanille. 

Unterkunft: An Hotels empfiehlt sich das Tekoma Boutique Hotel (siehe S.99) oder das Mourouk Ebony. Man kann auch sehr gut in Guesthouses und Lodges wohnen, so z. B. in der Bakwa Lodge, der Domaine de Decide Plage und Chez Claudine an der Ostküste. Sehr authentisch ist die Villa Mon Trésor in Port Mathurin. 

Weitere Informationen:

Fremdenverkehrsbüro der Insel Rodrigues, Port Mathurin, Tel. +230 832 08 66, 

www.tourism-rodrigues.mu