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Nach Alonissos zieht es alle, die das intensive Blau des Meeres sehen, feinen Sand unter ihren Füßen spüren, das Krächzen der Möwen hören, den Duft der vom Morgentau nassen Pinien riechen, frischen Fisch genießen und dem Trubel aus dem Weg gehen wollen.

Text & Fotos: Doris Springenfels &  Fotos: Walter Röhrer

Alonissos nähert man sich auf traditionelle Art, mit dem Schiff. Am besten mit der Fähre, denn in der Langsamkeit liegt auch einer der Reize der Sporadeninsel. Vor etwas mehr als zwei Stunden sind wir in Skiathos an Bord gegangen, allein diese kurze Zeitspanne war genug, um vom quirligen Hafenleben auf Entschleunigung umzuswitchen. Zwei Stunden tiefblaues Meer, auf dem kleine, weiße Schaumkronen tanzen, vorbei an Skopelos, jener Insel, die für „Mamma Mia“ eine malerische Kulisse bildete und die dadurch ihren Geheimtipp-Status längst verloren hat. Weiter direkt hinein in den Meeresnationalpark, der Alonissos umgibt, den einzigen Griechenlands übrigens. Wir sehen die kleinen vorgelagerten Inseln wie Psathoura, Piperi, bis wir Peristera umrunden und in den Hafen von Patitiri einlaufen. Der Hauptort Alonissos ist eher klein und übersichtlich, Restaurants und alle möglichen Läden rund um den Hafen. Viel idyllischer ist unser Ziel, Chora oder Old Town. Eigentlich ist es das neue Bergdorf, das alte wurde 1965 bei einem Erdbeben der Stärke 7,2 zerstört, die Bewohner nach Patitiri umgesiedelt. Doch bald darauf entdeckten Hippies den Charme des Städtchens und nahmen einige beschädigte Anwesen in Besitz. Dann kamen die Engländer, immer auf der Suche nach Orten mit einem wärmeren Klima als ihre Insel, und begannen damit, Chora wieder zum Leben zu erwecken. Zum Glück mit viel Fingerspitzengefühl, heute wirkt alles so ursprünglich, als sei die Zeit hier stehengeblieben. Gutes Schuhwerk ist angebracht wenn man die steilen Gassen hinaufsteigt bis zum höchsten Punkt des Ortes – das Kopfsteinpflaster ist glatt und uneben. Vorbei an einigen Tavernen, Läden mit Kunsthandwerk, der Kirche, vorbei an in der Sonne dösenden Katzen, an Ouzo trinkenden Alten im Kafenion, an kleinen Plätzen und dazwischen immer wieder die Aussicht auf die glitzernde Ägäis – Griechenland wie im Bilderbuch. 

Wie im Bilderbuch erscheint uns auch unser Appartment im Althea, einem kleinen Boutiquehotel am Rande von Chora – von unserer Dachterrasse aus haben wir die wohl schönste Aussicht der Insel – auf zwei Seiten das Meer und vor uns im sanften Licht des vergehenden Tages Old Town. Wir fragen Konstantina, die Tochter der Besitzer, nach dem nächsten Strand, sie empfiehlt uns die zu Fuß nur 15 Minuten entfernte Bucht Megalos Mourtias südlich des Dorfes. Hier schnuppern wir zum ersten Mal bewusst den typischen Duft der Insel, eine Mischung aus salziger Meeresluft mit dem Geruch der allgegenwärtigen Aleppokiefern. Megalos Mourtias ist sicher nicht der schönste Strand der Insel, aber es gibt eine sehr nette Taverne, Meltime, wo man den Tag perfekt ausklingen lassen kann. Typische blaue Holzsessel gruppieren sich um Tische mit blauweißen Papiertüchern, daneben ein Olivenbaum, vor uns das Meer, einfach perfekt. In der Ferne sehen wir die Silhouette Euböas, der zweitgrößten griechischen Insel im Licht der untergehenden Sonne.

Zwischen Ginster und Heidekraut

Ein neuer Tag, Zeit, die Insel besser zu erkunden. Alonissos gilt als grüne Insel, nicht zu Unrecht. Eigentlich ist das Grün aber sehr farbenprächtig. Je nach Jahreszeit wachsen lilafarbiges Heidekraut, rosafarbige Alpenveilchen, gelber Ginster, weiße Meerzwiebeln oder gelber Fenchel. Ab und zu sieht man Granatäpfelbäume. Und Heilkräuter wie Salbei oder die Zistrose. Kommt man im Frühling oder Herbst nach Alonissos, ist die Insel ein Paradies für Wanderer. Wir wollen nach Megali Ammos, einem unberührten Strand an der Westseite der Insel. Der Weg ist abenteuerlich, durch Olivenhaine, lichte Wälder, wir begegnen nur ein paar Ziegen und einem Esel, der im Schatten eines Baumes vor sich hin döst. Am Ende lohnt es sich. Völlig einsam liegt die Bucht vor uns, türkisgrün das Wasser, begrenzt von schroffen Felsen. Man fühlt sich, als wäre man völlig allein auf der Welt. Am Rückweg begleitet uns der Geruch des wilden Thymians, konkurriert mit dem harzigen Kiefernduft, eine Melange, die mir sofort in den Sinn kommt, wenn ich an Alonissos denke. 

Täglich ein anderer Strand

Megali Ammos ist nur einer der vielen einzigartigen Strände, die wir auf der Insel kennengelernt haben. Wenn man die Ostküste von Patitiri Richtung Norden fährt, hat man die Qual der Wahl. Die erste beeindruckende Bucht ist die von Chrissi Milia, ein breit geschwungener, goldgelber Sandstrand, der einzige der Insel. Knapp danach folgt Kokkino Kastro, der eingebettet zwischen rötlich schimmernden Felsformationen ein eindrucksvolles Bild gibt. Ein Stückchen weiter nördlich Tzortzi Gialos und dann der größere, Leftos Gialos. Hier hat letztes Jahr ein chicer Beachclub eröffnet. Weiße Liegebetten mit dicken, türkisen Auflagen, teilweise unter Olivenbäumen, Umsorgtwerden den ganzen Tag, chillige Musik und eine ausgezeichnete Taverne machen diesen Strand zu einem Place-to-be auf Alonissos. Lässig, entspannt und dennoch so griechisch, dass es in unser Griechenland-Klischee noch passt. Gegen Mittag wird es kurz trubeliger, wenn die Ausflugsboote von Patitiri kommen, danach kehrt aber wieder angenehme Ruhe ein. Ein weiterer Strand, den man unbedingt besucht haben muss, ist Agios Demetrios. Nirgendwo sonst auf der Insel ist das Meer so türkis wie hier. Die kleine Landzunge ist umgeben von karibisch anmutendem Wasser, flach abfallend, glatt wie eine Lagune, dank der vorgelagerten Insel Peristera ist Agios Demetrios abgeschirmt von größeren Wellen. Wer hier nicht entspannt, dem ist nicht mehr zu helfen, Entschleunigung ist das Motto: Alles geht „Siga, siga“, wie die Griechen sagen, langsam, langsam. Das merken wir auch in der kleinen Taverne am Ende des Strandes – das Oktopus-Stifado ist köstlich, allerdings warten wir eine Stunde darauf.  

Heute bin ich Kapitän

Mit dem Auto oder per pedes die vielfältigen Strände der Insel zu erkunden, nimmt schon einige Zeit in Anspuch – doch es gibt noch eine Möglichkeit, sich Alonissos zu erschließen, auf dem Wasser. Wie eingangs erwähnt, wurden die Gewässer rund um die Insel 1992 zum Meeresnationalpark erklärt, nicht zu Unrecht. Mit 2.000 Quadratkilometern ist er der größte im Mittelmeerraum. Streng sind die Schutzvorschriften allerdings nur in der Kernzone rund um die Insel Piperi, zu der man mindestens fünf Kilometer Abstand halten muss. Piperi ist eine der letzten Zufluchtsstätten für die bedrohten Mönchsrobben. Von Homer beschrieben und als eine Art Wahrzeichen dieser Gegend auf Münzen abgebildet, bevölkerten sie einst zu Zigtausenden das Mittelmeer. Heute wird der gesamte Bestand auf 400 bis 500 Exemplare geschätzt, rund 50 davon leben in den Höhlen und Buchten von Piperi. Die Robben sind so etwas wie die Maskottchen der Insel. In Patitiri gibt es ein kleines Museum über sie. Und weiter nördlich in Steni Vala werden verirrte Robbenbabys in einer Aufzuchtstation aufgepäppelt. Später werden sie mit einigem Tamtam wieder ausgesetzt: Ein Priester segnet sie sogar vorher, erzählt uns Dimitri, bei dem wir in Patitiri ein Boot ausleihen. Er erklärt uns, dass wir nicht bis Piperi fahren dürfen, der Nationalpark ist kein Disneyland mit Streichelzoo für Touristen.  Gut so, denn die seltenen Tiere sollen ungestört bleiben. 

Es gibt auch so genug zu sehen und entdecken. Auch an der Küste von Peristera haben sich viele Höhlen und Grotten gebildet, wo man herrlich im tiefgrünen Wasser schnorcheln kann. Je weiter man allerdings Richtung Norden kommt, desto rauer wird die See. Vom Meer aus erkennt man, dass die sanfte, mit Macchia und Kiefernwäldern begrünte Landschaft immer schroffer und unwirtlicher wird. Eine wild zerklüftete Küste mit Klippen in verschiedensten Farbschattierungen bietet sich uns dar. Es gibt Felsen, die wie Stracciatella-Eis aussehen, weiß mit kleinen schwarzen Bröseln gesprenkelt, andere wiederum sind rot marmoriert oder rabenschwarz. Und hat man erst den von Peristera geschützten Bereich der Küste verlassen, taucht man ein in jene fast filmreif anmutende Kulisse rund um das Kap Geraki. Hier geht’s wahrhaft archaisch zu. Weiße und grauweiße Felsen gruppieren sich zu einem imposanten Ensemble. Zwischen den engen Durchlässen und Grotten fuhren einst die Schiffe der Seeräuber hindurch, und so manche Grotte bot auch einen sicheren Unterschlupf für Männer und Diebesgut. Heute tummeln sich hier nur mehr Möwen und Urlauber. Dabei folgen sie den Spuren von Odysseus: Auf Gioura soll der Zyklop aus dem Epos gehaust haben. Weiter entfernt ist Psathoura, eine Vulkaninsel, auf der schwarze Lavasteine die Sandstrände säumen. Wer Glück hat, sieht unterwegs auch Delfine. Die tiefblauen Gewässer von Alonissos, die weißen Felsen und der azurfarbige Himmel – das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Mit dem Boot ist man unabhängig, kann ankern, wo der Anker Halt findet, völlig in Ruhe schnorcheln oder in eine der kleinen Grotten schwimmen, immer mit dem herrlichen Gefühl der völligen Freiheit. Und sollte einen zwischendurch der Hunger überkommen, dann tuckert man in einen der kleinen Häfen. 

Steni Vala ist der bekannteste, ursprünglich ein Fischerdorf, heute fest in der Hand der Segler. Hier kann man nicht nur einkaufen, sondern auch duschen, Zimmer mieten und vor allem sehr gut essen. Ein Lokal reiht sich an das nächste entlang der Uferpromenade, überall Blumen über Blumen, die Wahl fällt schwer, in welche dieser einladenden Tavernen man gehen soll. „Fanari“, so hat uns Konstantina erzählt, ist eine der allerbesten auf ganz Allonissos. Oktopus, zart gedünstet in der 
Kasserolle, schmackhaftes Kritama (Gemüse aus der Gischt der Meeresbrandung), hausgeräucherter Thunfisch, butterweicher Seeteufel in Safransoße, hausgemachtes Tarama, on Top noch ein Grießkuchen mit Limetten und Kokos – wer einmal im „Fanari“ gespeist hat, weiß, was die griechische Fisch-Küche alles zu bieten hat. Satt und zufrieden verlassen wir Steni Vala, um vor Kokkino Kastro zu ankern. Die Kulisse der im Licht der Nachmittagssonne tiefrot leuchtenden Felsen ist magisch. 

Wieder festen Boden unter den Füßen, kehren wir zurück nach Chora, um den Tag im Hayiati ausklingen zu lassen. Wir bummeln durch die engen Gassen, erstehen in einem Souvenirladen eine Plüschvariante der Mönchsrobbe und landen schließlich im Hayati, dem Chilling-Spot von Old Town. Alle Sitzmöglichkeiten sind so angeordnet, dass man einen Traumblick über das Meer und den Sunset hat. Mehrmals in der Woche gibt es hier Live-Musik, doch heute ist dieser Hotspot woanders. Jeden Montag in der Saison, so Konstantina, wird es so richtig laut in Chora. Dann tritt Chris Brown, ein Engländer, der als Wanderführer auf Alonissos Fuß gefasst hat, mit seiner Band auf und spielt neben griechischer Musik besten Rock’n’Roll und Sixties-Songs. Durch die stillen Gassen tönt „Forever Young“ von Neil Young, „Satisfaction“ von den Stones, „We’ve Got Tonight“ von Bob Seeger  – Musik, die heute noch mitreißt. Es muss also nicht immer Stille sein, Abgeschiedenheit und Urtümlichkeit – Alonissos hat gar viele Seiten.