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Man muss nicht unbedingt in Grasse geboren sein oder einer Dynastie von Parfumeuren entspringen, um im Duftbusiness in den Olymp aufzusteigen – es geht auch ganz anders. Das beweist der Schweizer Thierry Wasser, der seit einigen Jahren die Geschicke des altehrwürdigen Dufthauses Guerlain lenkt.

 

Text: Doris Springenfels  Fotos: Guerlain

Er ist ein Parfumeur, wie es nur wenige gibt. Er ist einerseits sensibel, elegant und charmant, andererseits ein bodenständiger Genussmensch. Ein naturverbundener Mann, der die Dinge sieht wie ein einfacher Handwerker, ohne Protz und Prahlerei. Er führt die Geschäfte Guerlains nicht nur olfaktorisch, sondern auch ökonomisch gesehen. Wir trafen Thierry Wasser, der von sich selbst sagt, dass Duftstoffe „seine Worte“ sind, anlässlich der Lancierung des neuen Duftes „Mon Guerlain“.

Monsieur Wasser, warum sind Sie Parfumeur geworden?

Reiner Zufall. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und war ein sehr schlechter Schüler. Anstatt zur Schule zu gehen, war ich auf den nahegelegenen Feldern unterwegs und habe Kräuter gesammelt oder habe auf dem benachbarten Hof geholfen. Mit 15 habe ich die Schule ohne Abschluss verlassen und eine Ausbildung in einer Art Drogerie begonnen. Dort habe ich vier Jahre lang bei einem alten Mann, der mir vertraute, alles über Kräuter und Tees gelernt. Das machte mir Spaß. Mit 19 habe ich gehört, dass es in Genf zwei Hersteller von Aromen und Duftstoffen, Firmenich und Givaudan, gibt. Ich bewarb mich um eine Lehre und bei einem wurde ich genommen. Vielleicht war es also doch kein Zufall.

Hatten Sie denn schon als Kind eine besonders gute Nase?

Ich wusste damals nicht, dass ich diese Sensibilität besaß. Der Geruchssinn ist ja keiner, der sofort auffällt. Im Prinzip rieche ich wie andere Menschen, nur neugieriger und bewusster, und das habe ich im Laufe der Jahre kultiviert. Der Unterschied ist, dass ich nicht nur rieche, sondern den Duft auch benennen kann.

Sie sind nicht nur für die Duftkreation, sondern auch für die wirtschaftliche Seite des Unternehmens Guerlain zuständig. Wie teilt sich Ihre Arbeit auf?

Meine Zeit ist meistens dreigeteilt – ein Drittel widme ich mich den geschäftlichen Belangen, ein Drittel verbringe ich auf den Feldern mit der Beschaffung unserer Rohstoffe oder reise herum auf der Suche nach neuen, ungewöhnlichen Essenzen und das letzte Drittel sitze ich im Labor.

Wie kann man sich das vorstellen: Wenn Sie ein neues Parfum kreieren, haben Sie da von Anfang an eine spezielle Idee?

Wenn ich nicht herumreise, bin ich drei Tage die Woche in unserem Labor mitten in Paris. Dort brauche ich Ruhe, um meinen Rhythmus zu finden, um meinen Geist wandern zu lassen. Man erfindet keinen neuen Duft mit einem Fingerschnipsen, das geht nicht auf Bestellung. Deshalb ist es an diesen drei Tagen sehr wichtig für mich, dass es kein Telefon, kein E-Mail und andere Ablenkungen gibt. Und irgendwann ist dann der Funke da, gibt es diesen Moment, wo sich eins zum anderen fügt. Mein Job besteht darin, Assoziationen zu verbinden, einen Duft mit dem nächsten und wieder dem nächsten. So entsteht ein Parfum.

Wie war es bei „Mon Guerlain“? Warum Angelina Jolie als Botschafterin? 

Angelina passt zu uns. Es ging darum, einen Duft für Frauen zu schaffen, der ihre Stärke signalisiert, eine moderne Weiblichkeit sozusagen, eine Ode an die Weiblichkeit von heute. Angelina verkörpert diese Stärke bei einer umwerfend weiblichen Ausstrahlung. Wir trafen sie in Kambodscha – dem Geburtsort ihres Sohnes Maddox – am Set von „First They Killed My Father“, wo sie Regie führte, und waren sofort auf einer Linie. Ihr Engagement in humanitären Fragen und als Sonderbotschafterin des Flüchtlingshilfswerk der UNO ist bewunderswert. Auch das Honorar aus unserer „Mon-Guerlain“-Kampagne führte sie einem wohltätigen Zweck zu. Sie verkörpert für mich perfekt einen starken Typ Frau, der sinnlich ist, warmherzig und dabei aber fest mit beiden Beinen am Boden steht.

Und wie duften Frauen, die mit beiden Beinen fest am Boden stehen?

Für mich vordergründig nach Lavendel und Bergamotte; der Lavendel steht für Reinheit und die Bergamotte für Frische. Kommt man ihnen näher, erkennt man das Liebliche – arabischer Jasmin und Iris duften subtil und verzaubern. Am Ende zeigt sich ihr Sinn für Exotik mit Vanille aus Tahiti, australischem Sandelholz und Kumarin, die Offenheit für andere Kulturen, die Reiselust.

Apropos Reisen – ein nicht unerheblicher Teil Ihrer Arbeit. Es muss spannend sein, die Welt auf der Suche nach neuen Rohstoffen zu durchsuchen.

In der Tat, das ist es. Ich mache das natürlich nicht allein, wir haben Duftscouts, die uns von interessanten Rohmaterialien berichten. Dann reise ich hin, wie zum Beispiel für das Sandelholz nach Australien, und verhandle mit den Produzenten, manchmal werden auch neue Fabriken aufgebaut, um unseren Bedarf zu decken. Das ist dann auch gleich eine Form der Nachhaltigkeitsförderung in den Produktionsländern, wo wir Arbeitsplätze schaffen. Wir sind auf der ganzen Welt vertreten. In Tunesien destillieren wir Hunderte Tonnen Orangenblüten, in Bulgarien stellen wir Tausende Tonnen Rosenöl her, in Kalabrien sind wir einer der Hauptabnehmer der Bergamotte. Für jeden unser strategischen Rohstoffe, Rose, Jasmin, Orangenblüte, Sandelholz, Vetiver, Bergamotte, bin ich einmal im Jahr vor Ort. Guerlain und Chanel sind die Einzigen in der Branche, die auch herstellen, was sie sie für ihre Düfte benötigen. Wir entwickeln nicht nur die Formel, wir setzen sie auch selbst um. Da ist auch die Rohstoffbeschaffung entscheidend.

Sie sprechen von strategischen Rohstoffen, gibt es einen typischen Duft von Guerlain?

Ein Guerlain-Duft ist leicht zu erkennen. Und wenn alle Düfte des Hauses eine unverkennbare Duftspur hinterlassen, dann, weil sie nach einem Konzept komponiert worden sind: beste Rohstoffqualität, hohe Dosierungen und kurze Formeln. Lange Formeln verbinden zahlreiche Stoffe miteinander, wobei jedoch ihr eigentlicher Charakter leicht verloren geht.
Deshalb entscheidet sich Guerlain immer wieder für eine Struktur. Abgesehen davon sind es jene sechs zuvor genannten Rohstoffe, die immer wieder in Guerlain-Parfums zu finden sind.

Was ist für Sie der schönste Duft, den Sie je gerochen haben?

Die Bulgarische Rose. Ich bin ganz verliebt in ihren Duft: singend, tänzerisch, leicht, ein bisschen fruchtig. Rosenöl aus Bulgarien ist unglaublich. Es berührt mich, es spricht mich anders an als andere Rohstoffe.

Gibt es ein Rezept für einen Bestseller? Einen Duft, von dem man sicher sein kann, dass er möglichst vielen Menschen gefällt?

Natürlich gibt es Forschungen zu diesem Thema, aber die scheitern letztendlich daran, dass Geschmack relativ ist. One-fits-all gibt es nicht; das wäre doch sehr uniform. Abgesehen davon, dass sich Duftstoffe auf jeder Haut anders entwickeln. Aber es gibt natürlich allgemein gefällige Kompositionen, die sich dann aber wohl kaum durch große Individualität auszeichnen. 

Warum gibt es immer mehr Variationen einzelner Düfte?

Man könnte es mit der Musik vergleichen. Man hat ein Grundthema und man macht verschiedene Versionen dieses Themas, Variationen. Es macht einfach Spaß. Es ist eine Übung. Und der Markt verlangt danach. Wenn man erfolgreich sein will, muss man die Distribution befriedigen, die nach immer mehr Abwechslung verlangt.

Was halten Sie von dem Trend L’Eau? Leichtere, frischere, teils modernere Varianten von Parfums zu schaffen?

Auch das gehört zum Spiel mit den Düften dazu – man kann es Marketing nennen, um den Einstieg in eine neue Zielgruppe zu schaffen, es als eine Herausforderung betrachten, dem Duft dennoch seine Charakteristik zu erhalten, als Sehnsucht unserer Zeit nach Leichtigkeit – vielleicht von allem ein bisschen.

Was verrät unser Parfum über uns?

Viel. Ein Parfum ist etwas sehr Persönliches. Und der Geruchssinn arbeitet auf mysteriösere Weise als andere Sinne. Ich kann einen Duft als Signatur verwenden, die sagt: „Das bin ich.“ Oder ich sehe Parfum als Accessoire, das man wechselt, je nachdem, was man ausdrücken möchte – um eine Stimmung zu unterstreichen oder hervorzuzaubern. 

Eine Frage zum Abschluss: Welchen Guerlain-Duft tragen Sie selbst?

Parfum ist für mich tabu, wenn ich an Düften arbeite, das ist der Nachteil meines Berufs. Sonst rieche ich nicht, was ich tue. Ich verwende morgens sogar parfumfreie Seife. Wenn ich jedoch gerade in der Entwicklung eines Duftes stecke, trage ich den Duft eine kurze Zeit permanent, Tag und Nacht, um seine Wirkung zu testen. Auch wenn es ein Damenduft ist, der sich auf meiner Haut zwar anders entwickelt, aber mir dennoch ein Gefühl für seine Magie vermittelt.