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Andrea Eckerts zentrale Lebensbegriffe sind Würde und Respekt. Die Würde der Menschen im täglichen Leben. Und der Respekt vor der Figur, die sie auf der Bühne darstellt.

 

Text: Silvia Matras

Fotos: Laurent Ziegler

Theatermätzchen, wie Verzerrungen des Stückes ins unangebracht Groteske und konstruierte Aktualisierungen, sind Andrea Eckerts Sache nicht. Sich vom Stück, der Rolle, allzu weit entfernen ist nicht in ihrem Wesen als Schauspielerin angelegt. Eine Rolle verlangt von ihr alles ab – intensive Vorbereitung, Hineinsteigen in die Figur. „Es mag altmodisch sein, aber ich bin darauf angewiesen, mich mit meiner Rolle identifizieren zu können. Sonst kann ich nicht spielen. Für die Zeit der Vorstellung begebe ich mich ganz in die jeweilige Figur der Elektra, Maria Stuart, Penthesilea oder Maria Callas, und dieser komplizierte Prozess beginnt schon Stunden davor.“ Groteskkostümierung oder unangebrachte Slapstickeinlagen sind nicht ihre Sache. Sie verzerren allzu sehr und bedienen ein Publikum, das nur unterhalten werden will. Spaßtheater
gegen – nennen wir es: „altmodisches“ Theater. Das lässt auf keinen leichten Weg schließen. Und so war es auch. Bei der von ihr sehr verehrten Lehrerin Dorothea Neff lernte sie, jeder Rolle genau auf den Grund zu gehen und auf der Bühne „ohne Netz“ zu spielen, sich nicht zu schonen. Ihre Lehr- und Wanderjahre absolvierte sie u. a. am Burgtheater, Frankfurter Schauspielhaus und Schauspielhaus Wien, bis sie sich 1991 mit „Judith“ von Friedrich Hebbel am Volkstheater etablierte. Unter der Direktion von Emmy Werner spielte sie großartige Frauenrollen, wie die Maria Stuart von Friedrich Schiller oder die Clara S. von Elfriede Jelinek. Mutig wagte sie sich über die Rolle als Dorothea Neff im Stück „Du bleibst bei mir“ von Felix Mitterer. Den starken Schluss wird wohl jeder, der einst die Neff als Mutter Courage im Volkstheater und viele Jahre später Andrea Eckert in derselben Rolle erleben durfte, in Erinnerung behalten: Eckert zieht den Karren, gebrochen durch die Wirren des 30-jährigen Krieges. Tief gebeugt und langsam. Alle ihre Kinder hat sie durch eigene Schuld verloren. Sie zieht den Karren langsam, tief gebückt, aber nicht gebeugt. Noch hat sie Kraft.  Neff und Eckert und Mutter Courage waren eins. 

Den ganz großen Durchbruch erlebte Andrea Eckert mit der Rolle der Callas in dem Stück „Meisterklasse“ von Terence McNally. Noch Jahre später sprach das Publikum von diesem „Ereignis“. Denn Andrea Eckert trat auf und war die Callas. Ein Kopftuch umhüllte die Haare, umrahmte das Gesicht, das streng und unnahbar wirkte. Sie machte ihre Gesangsschüler nach Noten fertig, zeigte ihnen schonungslos ihre Fehler auf, konfrontierte sie erbarmungslos mit ihrem Untalent. Dazwischen blitzte die verletzliche, private Callas auf, dann wieder die großartige Sängerin, die Primadonna assoluta. Wenn sie die Callas am Abend zu spielen hatte, dann – so erzählte sie einmal – gehörte der Tag ganz der Konzentration auf diese Rolle. Das Telefon war abgestellt, sie vermied jede andere Verpflichtung und konzentrierte sich ausschließlich auf die Figur, die sie am Abend werden sollte. 17.000 Besucher sahen das Stück. Sie wurde dafür mit dem Karl-Skraup-Preis und der Kainz-Medaille ausgezeichnet. „So viel Erfolg machte mir Angst“, gesteht sie. Denn die Erwartungen waren hochgeschraubt – was kann nach so einem Erfolg noch kommen? Noch bessere Rollen? Sie zieht sich für einige Zeit vom Theater zurück und gehört von da an keinem Ensemble mehr an. Ohnehin begleitet sie seit ihrer Jugend das Gefühl der Heimatlosigkeit. „Ich fühle mich nirgendwo zugehörig, als müsste ich mein Leben lang einfach nur weiterziehen. Gerade nach meinem Erfolg mit der ,Meisterklasse‘ habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet, einmal zur Theaterfamilie eines großen Hauses zu gehören.“  

Sie dreht Dokumentarfilme über Pater Georg Sporschill, Frederic Morton, Josefine Hawelka oder Eric Pleskow, alles Persönlichkeiten, in denen sie dieselbe brennende Begeisterung für eine Sache wiederfindet, die auch in ihr glüht. Nach so vielen Jahren des Alleingangs – 2016 plötzlich der Anruf aus Gutenstein. Bürgermeister Michael Kreuzer ist überzeugt, dass sie die richtige Intendantin für die „Raimundspiele Gutenstein“ sei. Sie nimmt an und vergisst ihr Einzelkämpferdasein, staunt darüber, wie schnell sie und ihr Team in der kleinen Gemeinde Wurzeln schlagen. Und staunt, mit welcher Begeisterung und persönlichem Einsatz alle mitmachen – angefangen von der Wirtin des urigen Gasthauses „Grüner Baum“, die für das Wohl der Schauspieler sorgt, bis hin zu den freiwilligen Helfern, die am Buffet stehen, als Billeteure arbeiten oder die Tische und Bänke zimmern. „Der Mensch hinter dem Dichter Ferdinand Raimund war für mich eine ungemein berührende Entdeckung: Was für eine tragische, kurze Existenz! Vom Waisenkind zum Theaterstar. Trotz der Erfolge als Autor und Schauspieler immer von Selbstzweifeln, Ängsten, Depressionen geplagt. Selbstmord als letzte tragische Konsequenz. Sein desaströses Leben gleicht einem Hollywoodfilm. Seine Dramen sind Weltliteratur.“ Und so gab es diesen Sommer „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“, ein Stück, in dem es um Selbsterkenntnis geht. In der Regie von Emmy Werner spielte die Prinzipalin den Alpenkönig in einer Michael-Jackson-Version und hielt als Alpenkönig-Rappelkopf dem eigentlichen Rappelkopf seinen monströsen Charakter vor Augen. In halsbrecherischer Manier tobte sie über die Bühne, zertrümmerte, was ihr in die Finger oder unter die Beine kam. Man hätte fast meinen können, hier befreite sich nicht nur Rappelkopf von all seinen Dämonen, sondern auch die Schauspielerin Andrea Eckert von ihren Ängsten, die sie seit ihrer Kindheit begleiteten.

Informationen: Im Sommer 2018 steht „Der Verschwender“ auf dem Spielplan. Für 2019 wird Felix Mitterer ein Stück über Ferdinand Raimund schreiben.

Routine? – Ein Wort, das in ihrem Leben nicht vorkommt. Weder in der Partnerschaft noch im Berufsleben. „Ich war oft verliebt und habe wunderbare Männer gekannt. Aber mein Beruf brauchte all meine Kraft und Leidenschaft auf und es blieb offensichtlich zu wenig für den anderen über.“