anklicken zum Durchblättern

anklicken und noch mehr über Kosmetik erfahren:

Schöne neue (digitale) Welt?

Der digitale Alltag hat uns fest im Griff. Was Aldous Huxley bereits 1932 in seinem Roman „Schöne neue Welt“ vorausgesagt hat, ist längst eingetroffen. Wie finden das Pia Piccini und Bella Blau?

Pia:

Als erstes, nachdem unsere vollautomatischen Rollläden hochgefahren sind, greife ich in der Früh zu meinem iPad. Schauen, was es auf Instagram Neues gibt oder ob irgendetwas in den letzten acht Stunden, in denen ich nicht online war, passiert ist, oder ein schneller Blick auf meine E-Mails. So wie früher die Zeitung lese ich beim Kaffee die neuesten News am Tablet und schaue nebenbei noch in den iCal, was für heute ansteht. Als Kontrollfreak liebe ich es, dass Handy und Computer mir meinen Alltag erleichtern. Eine App zeigt mir, wann der Philodendron durstig ist oder ob die Usambara-Veilchen nasse Füsse haben. Eine andere erinnert mich an die Geburtstage meiner Lieben. Ich muss dank Internetbanking nicht mehr zur Bank fahren, um meine Erlagscheine aufzugeben, habe jederzeit eine ziemlich effi ziente Wettervorhersage parat, ein Blick, und ich weiß, ob in meiner Nähe ein neues Lokal aufgemacht hat oder wie ich mit den Öffi s am schnellsten von A nach B komme. Glücklich macht mich auch unser Bus-System, das unsere Haushaltsgeräte managt und auf das ich auch von unterwegs zugreifen kann. Der Kaffee ist fertig, wenn ich nach Hause komme, die Heizung wird ein paar Grade höher gestellt, kurz bevor wir vom Urlaub heimkehren, ein schlaues Heinzelmännchen im System meldet mir, wann im Kühlschrank Butter und Milch fehlen oder die Waschmaschine verkalkt ist. Mein und unser aller Leben hat sich in den letzten 30 Jahren erheblich geändert. Meine Diplomarbeit schrieb ich noch auf einer Schreibmaschine, bei meinem ersten Job hatten wir Videowriter, bevor der 286er einzog ins Büro. War das besser? Ich habe Reisen ans andere Ende der Welt geplant und mit Bed & Breakfasts auf Hawaii um zwei Uhr nachts telefoniert, um unsere Quartiere zu buchen. Kein Booking.com, kein Tripadvisor, kein Secret Places, kein Airbnb, kein Google, nur die Infos aus Büchern und Zeitschriften, von Freunden oder engagierten Reisebüromitarbeitern. Da geht es doch heute viel einfacher. Auch arbeitstechnisch, in ein paar Minuten zischen große Mengen hochaufgelöster Fotos mittels WeTransfer durch die Hemisphäre, keine Prints mehr, die erst eingescannt werden müssen und dabei an Qualität verlieren. Von den Infos per Net und Mail ganz zu schweigen, die nsere Arbeitsgeschwindigkeit erst ermöglichen. Ein Leben ohne Smartphone und Computer ist für mich definitiv unvorstellbar. Nichts war besser früher, nur anders. Man kommuniziert sogar mehr als früher, und das weltweit, weil es nichts mehr kostet. Eine SMS ist schnell geschrieben, ein Foto in Nullkommanix verschickt, und schon freuen sich die Lieben daheim (besonders, wenn sie an trüben Nebeltagen herrliche Sonnenuntergänge vor tiefblauem Meer bekommen). Dank Spotify oder Apple Music ist der Zugang zu Musik nicht mehr auf eine Kassette im Walkman beschränkt oder, wenn man nicht so weit zurückgreift, auf 8 GB am ersten iPod Nano, sondern nahezu unbegrenzt. Aufpassen muss man nur, wenn man zu zweit einen Account benützt. Am Mädelabend lief im Hintergrund „WebRadio Paris Fifties“, als plötzlich „Hells Bells“ ertönte. Mein Mann hatte im Auto ebenfalls aufgedreht, und ein Account bedeutet nur eine Auswahl. Unserer Stimmung tat aber auch AC/DC keinen Abbruch, man muss eben flexibel sein. Und seinem Handy vertrauen, denn, wenn ichs mal übertrieben habe mit den Stunden, die ich nur mit mir und meinem Handy verbracht habe, signalisiert mir eine App „Entspann dich, ich mach mal Pause.“ Schöne neue Welt.

 

Bella: 

Was hältst du von Bodyguard?“, fragte unlängst eine meiner Freundinnen. Ich: „Das Musical im Ronacher?“ „Nein, natürlich nicht, die Serie auf Netfl ix mit Richard Madden.“ „Wer ist das?“ „Na der Game-of-Thrones-Star, den musst du doch kennen.“ „Auf welchem Sender lief das, am Ersten oder Zweiten oder auf Sat?“ „Auf Sky natürlich oder bei TNT, die ganz alten Staffeln liefen auf RTL II.“ „Hab’ ich alles nicht und brauch’ ich auch nicht.“ „Auf welchem Planeten lebst du eigentlich? Wenn du nicht mal Sky hast, dann könnt ihr ja keine Champions League mehr sehen …“ Ich gebe zu, dass ich mir darüber noch nicht wirklich viele Gedanken gemacht habe. Ich gehöre zu der aussterbenden Fraktion derer, die der Digitalisierung skeptisch gegenüberstehen. Ich habe zwar ein Handy, aber keines der allerletzten Generation, und ins Internet gehe ich damit nur, wenn es Wi-Fi gibt. Ich bin nicht auf Facebook, Instagram oder WhatsApp, und mein Handy ist auch nicht immer eingeschaltet. Ich telefoniere lieber, als dass ich tippe, und fühle mich eigentlich sehr wohl dabei. Nur langsam beginnen sich für mich einige Türen zu schließen. „Warum bist du gestern nicht zum Tenniscamp-Treffen gekommen?“ „Na, weil ich nicht gewusst habe, dass es eines gibt.“ „Aber das war doch seit Tagen Thema unserer WhatsApp-Gruppe.“ „Wie gesagt, das habe ich nicht installiert.“ „Sei doch nicht so hinterwäldlerisch, sogar meine 75-jährige Mama ist in einer WhatsApp-Gruppe.“ Tja, so schnell ist man außen vor. Und es geht in dieser Art weiter, als Verweigerer oder verzögerter Nutzer der digitalen Technik bin ich plötzlich bei vielen Dingen benachteiligt. Da ich verschlafen habe, dass man seine Tickets jetzt selbst ausdruckt und die Bordkarte gleich dazu, musste ich am Flughafen bei dem Gerät Schlange stehen und es mir dann peinlicherweise von einem 16-Jährigen erklären lassen. Dennoch, es war zu spät, die guten Plätze waren weg, und mein Mann und ich saßen getrennt voneinander am unbeliebten Mittelsitz, zehn Stunden lang. Weil ich die Banderole mit dem Strichcode anscheinend falsch eingescannt habe, hat ein Koffer eine außertourliche Reise nach Timbuktu unternommen, am letzten Urlaubstag kam er dann doch noch an. Unlängst wollten wir uns abends mit Freunden treffen, kamen aber nicht an unser Auto ran. Aus unerfindlichen Gründen ließ sich das Gartenschiebetor nicht öffnen. Wir mussten ein Taxi rufen, um halbwegs pünklich anzukommen. Schuld daran war eine kleine Steuerplatine. Ich finde, alles wird komplizierter durch das Übermaß an Digitalisierung. Ich möchte nicht im Supermarkt meine Einkäufe selbst scannen, ich will nicht selbst tanken, ich will mich nicht mit Siri oder Alexa unterhalten, sondern mit meinen Freunden, ich will Zeitschriften lesen, keine Blogs, ich schätze es, real, nicht virtuell shoppen zu gehen, mit echten Menschen dabei zusammenzutreffen und keine zusätzlichen LKWs für den Transport meiner bestellten Produkte auf die Straße zu bringen. Für mich ist das der wahre Luxus, mich nicht immer und überall vernetzen zu müssen und einfach auch mal nicht erreichbar zu sein. In einem Kaffeehaus zu sitzen und Leute zu beobachten, ohne auf das Handy zu schauen, ob jemand eine Nachricht geschickt hat. Natürlich ist mir bewusst, dass es ganz ohne nicht geht, dass man nicht stehen bleiben kann, aber ich möchte das Maß selbst bestimmen, mit der ich mich der Digitalisierung bediene – sie soll mein Leben erleichtern und nicht erschweren.